Advent der liebsten Blogger-ESC-Momente (23): Der Außenseiter Island qualifiziert sich für das Finale

Für meinen vierten schönsten ESC-Moment blicke ich noch einmal zurück auf das Jahr 2011. Neben Deutschland war ich in diesem Jahr noch großer Fan von Island. Die sympathische Truppe „Sjonni’s Friends“ war mir durch ihre unheimlich menschliche Ausstrahlung und ihre authentisch-einfache Mischung aus Fröhlichkeit und Traurigkeit ans Herz gewachsen.

Die Gruppe hatte sich nach dem plötzlichen Tod von Sigurjón „Sjonni“ Brink zusammengefunden und sang das von Sjonni geschriebene „Coming Home“. Mit dem Titel wollte Sjonni beim isländischen Vorentscheid antreten, verstarb jedoch unerwartet zwölf Tage vor dem dritten Halbfinale im Alter von nur 36 Jahren an einer Hirnblutung. Um ihn und sein Werk zu ehren, fanden sich sechs seiner Musikerfreunde kurzerhand zur Band „Sjonni’s Friends“ zusammen, traten an seiner statt bei Söngvakeppni Sjónvarpsin an und lösten das Ticket nach Düsseldorf.

Dort galten sie aber eher als Außenseiter für eine Finalqualifikation. Als dann die Qualifikanten aus dem ersten Halbfinale verkündet wurden, gab es ein paar Überraschungen, sodass drei eigentlich als sicher angesehene Qualifikationskandidaten noch übrig waren, als nur noch zwei Plätze zu vergeben waren: Russland, Türkei und Norwegen. Russland war dann tatsächlich als neuntes Land im Umschlag. Damit war für mich klar: Fanfavoritin Stella Mwangi aus Norwegen oder Yüksek Sadakat, die als türkische Vertreter auf viele Diasporastimmen zählen konnten, werden als Letztgenannter ins Finale einziehen. Aber dann verkündete Anke Engelke auf einmal ganz schlicht: „Iceland“.

Ich war außer mir. Ich weiß nicht, was die isländische Kommentatorin hier ausruft, aber ich habe mich genauso gefühlt, wie sie sich angehört hat:

Ich habe beim ESC immer wieder persönliche Favoriten, die in der Bubble und bei den Wettquoten sowie sonstigen Prognosen nicht gut ankommen. Meist spiegelt sich das dann auch im realen Endergebnis wider, und doch drücke ich ihnen immer alle meine Daumen und hoffe auf ein Wunder.

Und manchmal klappt es dann wirklich. Die Qualifikation von Island 2011 steht symbolisch für all die Ergebnisse „against all odds“, die es zwar nicht oft, aber doch immer wieder beim ESC gibt. Diese Unberechenbarkeit ist etwas sehr Schönes am Contest. Die Hoffnung stirbt zum Schluss, bis zum letzten Moment kann man seinen Favoriten die Daumen drücken. Und wenn sie sich dann überraschenderweise doch qualifizieren oder viel besser als vorhergesehen abschneiden, dann ist die Freude immer umso größer als bei Acts, die als Favoriten zählen und „nur ihre Pflicht erfüllen“.

Spontan fallen mir noch Sebalter, der am Ende einen tollen 13. Platz mit „Hunter of Stars“ in Kopenhagen erreichte, und The Common Linnets, die im gleichen Jahr als letztendlich Zweitplatzierte das Dark Horse schlechthin waren, sowie John Karayiannis, der sich 2015 mit „One Thing I Should Have Done“ sicher qualifizieren konnte, als Beiträge ein, die mir von Anfang an sehr viel bedeutet haben, denen jedoch erst keine oder eine deutlich geringere Chancen eingeräumt worden war.

Und auch wenn sich die Beispiele sicherlich zwischen uns allen unterscheiden, fast jeder hat sicherlich schon einmal diese kleinen schönen persönlichen positiven Überraschungen erlebt.

Bislang in unserem Adventskalender erschienen:

(1) Mein „erstes Mal“
(2) Die BRAVO und ein Kindheitstrauma
(3) Der ESC 2000 in Stockholm
(4) Ein Hoch auf Moya Doherty
(5) Null Punkte und das Comeback von Ann Sophie
(6) Abba 1979 live in Dortmund
(7) Der Euroclub in Kiew
(8) Jamalas Sieg in Stockholm
(9) Hier geht es nicht um Oslo und Lena
(10) Deutscher Vorentscheid 2019 und Eurovision in Concert in Amsterdam
(11) Aufregung nach einem Jahr ESC-Entzug
(12) Mamma Mia Musical Premiere in Hamburg
(13) Das ECG-Treffen 2021 mitten in der Coronazeit
(14) Fitnesstraining mit Birthe Kjær
(15) Mit dem Kassettenrekorder vor dem Fernseher
(16) Måneskin katapultieren den ESC auf die globale Chartbühne
(17) Twelve Points für „ABBA Voyage“
(18) Feuer und Flamme für „Taken By A Stranger“
(19) Viermal 12 Punkte – und 65 Jahre ESC-Voting-Geschichte
(20) Loreen holt sich den Sieg im Melodifestivalen
(21) ESC-Ekstase in Australien und die Dami-Army
(22) Michelle, Marcel und Fancy

2020: Advent der besten DACH-ESC-Beiträge
2019: Advent der besten ESC–Momente


21 Kommentare

    • Die Nummer hat für mich Kultstatus, wenn ich mit meiner israelischen Freundin red ruf ich immer noch „Sameach!“ wenn es passt und sie hasst es 😀

    • Oh ich weiß noch wie der israelische Beitrag das Finale eröffnete. Wir hockten zu fünft vorm TV als diese „SängerInnen“ irgendwie Töne laut von sich gaben, mussten wir nur lachen. Jean Charles aus Frankreich meinte nur „wenn das so weitergeht, höre ich mit dem Hobby auf“. Nun, es wurde deutlich besser.

  1. Am Besten noch einmal Korrekturlesen. Im Artikel steht zweimal einmal Finnland statt Island und einmal finnischer Vorentscheid statt isländischer.

    Auch wenn für uns Deutsche Skandinavien ein einzige großer Köttbullar-Eintopf ist. 😉

    • Danke! Ich weiß nicht, was in meinem Gehirn falsch läuft, ich habe die Namen schon mehrmals vertauscht, obwohl mir geografisch natürlich vollkommen bewusst ist, dass sie wo ganz anders liegen…

  2. Was für eine schöne Geschichte Berenike, und so passend kurz vor Heilig Abend!
    Ich hatte damals die Vorgeschichte gar nicht mitbekommen und mich trotzdem für Sjonni’s Friends gefreut.
    Mit dem Wissen ist es eines der schönsten wahr gewordenen ESC-Märchen.

  3. Ich würde ISL11 auch ohne die traurige Geschichte sehr mögen. Das Lied klingt für mich wie ein guter Freund, und deshalb hat es auch nach zehn Jahren meine Playlist nicht verlassen.

  4. Ich hatte leider vier Mal schon kein Glück (Mein Favorit schied im Semi aus) Da habe ich also vergeblich gewartet, dass sie aufgerufen werden. Es ist besonders frustrierend, wenn sie sich bei reinem Zuschauervoting qualifiziert hätten. Auf die Juries bin ich daher schlecht zu sprechen.
    Und wenn manche davon sprechen, dass ihre Favoriten „nur“ vier Mal gewonnen hätten, denke ich: Das nennt ihr nur? Meine Favoriten haben seit zehn Jahren nie gewonnen. Was soll ich dann erst sagen? (2010 war ich etwas parteiisch gegenüber Deutschland, aber seitdem bevorzuge ich andere Lieder) Die beste Platzierung war noch Platz 5, aber seit 2015 läuft es für mich eher bescheiden.

      • Welche genau? Die vier, die im Semi ausgeschieden sind, oder alle seit 2011? Das Ding ist, bis auf ein Lied waren alle (zumindest vor dem Contest) bei den Fans beliebt, also liegt’s nicht daran. Und das eine Lied, das eher unbeliebt war, wurde am Ende Fünfter.
        Naja, hier zumindest meine vier Semi-Ausscheider:
        Island 2015 (vor dem Contest war es noch Recht beliebt, erst nach dem Auftritt wurde das Lied verschmäht)
        Schweiz 2017 (bin bis heute sauer auf die Juries deswegen)
        Nordmazedonien 2018 (hier habe ich mir keine falschen Hoffnungen gemacht, ich wusste, dass es in dem starken Semifinale nichts wird)
        Kroatien 2021 (die bitterste Nichtqualifikation aller Zeiten. Sowohl Zuschauer als auch Juries hatten es in ihrer Top 10)

  5. Island 2011 fand ich zuerst eher mäßig, aber der Auftritt in Düsseldorf hat mich voll und ganz überzeugt. Die Gruppe kam so sympathisch rüber, und der Liveauftritt war so toll, dass ich mich riesig über den Finaleinzug gefreut habe. Mittlerweile höre ich „Coming Home“ richtig gerne.😊

  6. Oh ja, an DEN Moment erinner ich mich auch noch. Eigentlich nach den drei Rohrkrepierern vorher auf dem Papier eine klare Sache, aber dann eben doch nicht. Ich hab mir ein Loch in die Mütze gefreut! Ich liebe diesen Song bis heute.

    Für mich der schönste komplett unerwartete Finaleinzug ist allerdings Irland 2018.

  7. Heute veröffentlichte der für den ESC verantwortliche Sender TVR die Halbfinalteilnehmer der Selecţia Naţională 2022 und mit Cezar Ouatu ist der ESC-Teilnehmer von 2013 mit dabei:

    https://eurovoix.com/2021/12/23/romania-selectia-nationala-2022-semi-finalists-announced/

    Weitere Rückkehrer sind Othello, der vor drei Jahren letztmals antrat sowie Letiţia Moisescu, die vor zwei Jahren zusammen mit Sensibil Balkan ins Finale kam. Wer auf ein Wiedersehen mit Mihai Trăistariu hoffte, wird enttäuscht, denn er ist nicht mit dabei.

  8. Das kannte ich ja noch gar nicht.
    Isländische Freude hat anscheinend immer gefühlte 20 PS mehr
    Da bekomme ich direkt ne fette Gänsehaut.
    Genauso toll wie dieser unvergessene Kommentator

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