Songs in Landessprache gewinnen den Eurovision Song Contest nicht mehr (Viva Vienna 25)

Linda Lampenius x Pete Parkkonen aus Finnland – Foto: EBU / Alma Bengtsson

Beim Eurovision Song Contest kann seit 1999 jedes Land in der Sprache auftreten, in der es das gerne tun möchte. Einen Zwang zur Landessprache gibt es nicht mehr – doch in letzter Zeit ist der Trend zu mehr Landessprache deutlich erkennbar. Es gibt viele gute Gründe, beim ESC nicht auf Englisch zu performen: Es macht einen Song interessant, authentisch und manchmal ist es vielleicht nicht verkehrt, einen allzu platten Text nicht zu verstehen. Schauen wir uns allerdings die härteste Währung überhaupt im ESC an – welche Songs gewinnen – dann gilt der Ratschlag: Auf Englisch singen wird siegen!

Seit 1999 haben nämlich gerade einmal vier Titel den ESC gewonnen, die nicht auf Englisch gesungen wurden: „Molitva“ (Serbien, 2007), „Amar pelos dois“ (Portugal, 2017), „Zitti e buoni“ (Italien, 2021) und „Stefania“ (Ukraine, 2022). Die beiden anderen ukrainischen Siegertitel „Wild Dances“ (2004) und „1944“ (2016) waren mehrsprachig, aber zum größten Teil auf Englisch. Vier aus 27 Gewinnersongs, also gerade einmal knapp 15 Prozent, umfasst der Anteil der siegreichen Titel in der viel gelobten Landessprache. Das ist wenig.

Dabei hätte es dieses Jahr anders kommen können. Mit „Liekinheitin“ von Linda Lampenius und Pete Parkkonen (Aufmacherbild) lag ein Song über Monate auf Platz eins der Wetten, der komplett in Finnisch verfasst wurde. Am Ende reichte es für Finnland allerdings nur zu Rang 6. Auch andere Songs wie „Ferto“ aus Griechenland, „Før vi går hjem“ aus Dänemark oder „Regarde !“ aus Frankreich wurden als potenzielle Sieger gehandelt und bestanden komplett aus Landessprache. Mit „Michelle“ aus Israel erreichte ein Spezialfall zumindest Platz 2 – denn Hauptsprache des Songs ist weder Englisch noch die Landessprache Hebräisch, sondern Französisch.

Songtexte einfach auf der LED-Wand einzublenden, war auch in diesem Jahr wieder eine Inszenierungs-Idee – Foto: Sarah Louise Bennett / EBU

Und doch – wieder sind all diese Titel am Sieg vorbeigeschrammt! „Bangaranga“ aus Bulgarien hat sich am Ende durchgesetzt. Zwar stammt der Songtitel aus der jamaikanischen Kreolsprache, der Rest des Liedes ist aber komplett auf Englisch. Nun hat beim Sieg von „Bangaranga“ sicherlich auch die Choreografie geholfen – möglicherweise aber auch die Sprache.

Langsam kommt man nicht dran vorbei zu fragen: Ist es für einen ESC-Sieg nicht tatsächlich doch wichtig, die Mainstream-Sprache zu wählen, die sicherlich vielen Leuten mehr hilft, einen Song beim ersten Mal hören in den Kopf zu bekommen? In Finnland machte man es den Fernseh-Zuschauern in diesem Jahr unmöglich, sowohl Titel als auch Namen der Interpreten irgendwie beim ersten Mal aufzuschnappen. Offensichtlich ein Fehler.

Die Zahl der Beiträge, die nicht ausschließlich auf Englisch performt wurden, ist dabei in den vergangenen Jahren gestiegen. In diesem Jahr waren es 19 (beziehungsweise 21, zählt man „Bangaranga“ und „Eins, zwei, drei“ mit, die nur anderssprachige Songtitel haben). Vor zehn Jahren, beim ESC 2016, waren es lediglich acht. Verschiedene Sprachen für Songs zu benutzen, liegt also im Trend. So viele Beiträge, die nicht ausschließlich auf Englisch performt wurden, landeten in den vergangenen Jahren übrigens in den Top 10:

  • 2026: 7 (beziehungsweise inklusive „Bangaranga“ 8)
  • 2025: 9
  • 2024: 6 (plus Irland, das mit Englisch ja in Landessprache performt hat)
  • 2023: 6
  • 2022: 6
  • 2021: 6

Wir sehen, in jedem dieser Jahre bestand mehr als die Hälfte der Songs in den Top 10 aus Titeln, die nicht (ausschließlich) auf Englisch gesungen wurden. Besonders krass sticht das Jahr 2025 hervor, in dem hinter dem Siegersong „Wasted Love“ die Plätze 2 bis 16 (!) an solche Titel gingen. Theoretisch hätte auch Platz 17 ein Wort in Landessprache enthalten, aber das maltesische „Kant“ musste zuvor aus dem Titel „Serving“ von Miriana Conte entfernt werden. All das zeigt, dass Titel in Landessprache durchaus Chancen haben, beim ESC richtig gut abzuschneiden, dass sie die Chance haben, ikonisch zu werden. Aber auch, dass sie quasi keine Chance haben, zu gewinnen.

Woran liegt es Deiner Meinung nach, dass stets englische Titel den ESC gewinnen? Sind die Songs in Landessprache einfach zu schlecht oder haben sie einen strukturellen Nachteil? Und wie erklärst Du dir die Ausreißer wie „Zitti e buoni“ oder „Stefania“? Schreib es uns gern in die Kommentare!

In unserer Reihe Viva Vienna bereits erschienen:

Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:



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14 Comments
Matty
Matty
4 Stunden zuvor

Naja, es gibt immer wieder Ausnahmen wie im Artikel erwähnt. Dennoch entdecken die Teilnehmerländrr ihre Landessprache neu.

Last edited 4 Stunden zuvor by Matty
Nelly
Nelly
4 Stunden zuvor

Es gibt zwar noch keinen Hinweis, ob Österreich überhaupt nächstes Jahr am ESC teilnimmt (Sparzwang), aber ich bin sehr sicher, wenn ja, dann interne Auswahl und auf Englisch.

Funi_Cula
Mitglied
Funi_Cula
4 Stunden zuvor

Finnland 2026 ist ein schlechtes Beispiel finde ich. Der Beitrag hat ja von Anfang an in der Bubble gezündet. Das sie nur 6. wurden lag nicht an der Sprache. Und Dara hat nicht gewonnen, weil sie auf Englisch gesungen hat. Ehrlich gesagt bleibt der englische Text kaum hängen, aber Bangaranga bleibt komplett im Ohr.
JJ hat hauptsächlich wegen seines Stimmvermögens gewonnen, Nemo hätte in Landessprache wohl nicht gewonnen, Loreen hätte auch auf schwedisch bei den Jurys abgeräumt.
Ich glaube immer noch, dass die Sprache nur eine untergeordnete Rolle spielt, wenn es um den ESC-Sieg geht. Die Artist sollen einfach in der Sprache singen, in der sie sich wohl fühlen.

Jorge
Jorge
4 Stunden zuvor

Fehler im Artikel: „Wild Dances“ (2004) wurde in keiner Sprache gesungen – jedenfalls in keiner bekannten und verständlichen. 😉

Das Sprachpendel schlägt doch immer mal in eine andere Richtung aus. Statistisch würde ich da überhaupt nichts heraus ableiten, zumal – wie im Artikel ja korrekt steht – die Top10 gut mit diversen Sprachen besetzt sind.

Diese Statistik ist einfach nicht ausreichend aussagekräftig, solange diese von Songs mit kalkulierten mehrsprachigen Versatzstücken (ähnlich wie die Baukasten-Kompositionen) durchsetzt ist. Wenn Zeile X noch eingebaut wird, um billig Schlagworte unterzubringen.

Ein anderer Punkt ist, dass englischsprachige Songs besonders gerne in Songwritingcamps produziert werden – welche ja einige der letzten Sieger stellten.

Und P.S.: Ein Teil der erfolgreichen Landessprachen-Songs kommt gerne mal mit Ethno-Touch daher, was zwar einen gewissen Kreis anspricht, aber vielleicht keinen Kick unter den unentschlossenen Normalovotern oder der Masse der Universalisten-Juroren verschafft.

Last edited 3 Stunden zuvor by Jorge
Micha Knust
Micha Knust
3 Stunden zuvor

Mein allerliebster belgischer ESC Beitrag von 2003 hat mit nur zwei Punkten Rückstand den zweiten Platz belegt – in einer Fantasiesprache!
Urban Trad hat mich begeistert, und Sanomi hätte ich den Sieg gegönnt.

Grundsätzlich meine ich, dass Künstler die Sprache wählen sollten, in der sie sich am besten ausdrücken können. Ich mag oft Titel, die Landessprache präsentiert werden, und egal ob die jeweilige Sprache eher weich, melodisch oder interessant klingt – das Gesamtpaket und besonders die gute Songauswahl punkten dann am Ende.
Wenn man mal von den ersten Plätzen absieht, haben doch oft Beiträge in Landessprache gut punkten können.
Ich wünsche mir auf jeden Fall mehr Mut, die jeweilige Landessprache mit Überzeugung, stimmlicher Stärke und einer interessanten Choreographie zu präsentieren!

Frank B.
Frank B.
2 Stunden zuvor

Hier wäre es auch noch sehr interessant die Unterschiede zwischen Jurys und Televoting zu betrachten. Immerhin wurden in den vergangenen Jahren zumeist Jury-Beiträge gewählt, während einige Fan-Favoriten in Landessprache (Käärijä, Baby Lasagna) scheiterten.

Entsprechend vermute ich bei den Jurys einen gewissen Bias Richtung englischer Sprache. Vielleicht ist das unbegründet, entsprechend interessant fände ich es.

Momo 🐢
Momo 🐢
1 Stunde zuvor
Reply to  Frank B.

Baby Lasagna hat nicht in Landessprache, sondern auf Englisch gesungen. 😸

Nilou
Nilou
48 Minuten zuvor
Reply to  Frank B.

Das Argument bezüglich Jury-Bias würde ich persönlich auch zu den Gründen zählen, allerdings muss man dabei schon sagen, dass Baby Lasagna dafür nicht als Beispiel dienen kann. RTTD ist genauso komplett auf Englisch verfasst wie The Code.

sam1
sam1
1 Stunde zuvor

OT:
Nun ist also die Männer WM 2026 vorbei. Und Spanien ist verdient Weltmeister geworden und das zum insgesamt dritten Mal (die Frauen mit eingerechnet). Und ich habe Spanien tatsächlich richtig als Weltmeister vorausgesagt. Leider wurde ich aber nicht ausgelost und darf nicht mit zum Urlaub nach Madrid, der ja von unserer Geschäftsführung finanziert wird. Die Auslosung fand heute um 9 Uhr statt und 20 Personen (alle haben Spanien richtig vorausgesagt) waren im Lostopf. Aber nur 3 wurden am Ende ausgelost. Es gibt aber schlimmeres.

Und damit sieht die Liste der Rekordweltmeister nun folgendermaßen aus:

1.Deutschland mit 6 WM-Titeln
2.Brasilien mit 5 WM-Titeln
3.USA und Italien mit je 4 WM-Titeln
5.Argentinien und Spanien mit je 3 WM-Titeln
7.Frankreich und Uruguay mit je 2 WM-Titeln
9.Norwegen, Japan und England mit je 1 WM-Titel

Gezählt werden natürlich die Männer und Frauen zusammen, da sie ein Land sind.

Und das nächste große Turnier wirft bereits seine Schatten voraus und zwar die Frauen WM 2027 in Brasilien. Zum Glück wird da noch unter dem alten Modus mit 32 Teams gespielt, wodurch es nämlich spannender wird.

Und diese Teams haben sich bereits qualifiziert:

-Brasilien als Gastgeber (gehört zur Weltspitze)
-Dänemark (gehört zur Weltspitze)
-Deutschland (gehört zur Weltspitze)
-Frankreich (gehört zur Weltspitze)
-Spanien (gehört zur Weltspitze)
-Kolumbien (Geheimfavorit)
-Argentinien (sind Mittelmaß)
-Australien (gehört zur Weltspitze)
-China (Geheimfavorit)
-Japan (gehört zur Weltspitze)
-Nordkorea (gehört zur Weltspitze)
-Südkorea (Geheimfavorit)
-Die Philippinen (sind Mittelmaß)
-Neuseeland (sind Mittelmaß)

Und alle Mannschaften die zur Weltspitze gehören, gehören natürlich zu den Topfavoriten.

Offiziell gehören bei den Frauen die ersten 15 Mannschaften der Weltrangliste zur Weltspitze. Und bei den Männern sind es die ersten 10.

Und damit fehlen noch bei der Frauen WM 2027 mit den USA, dem amtierenden Europameister und Vize-Weltmeister England, Schweden, Kanada, der Niederlande, Italien, und Norwegen lauter Manschaften die zur Weltspitze gehören.

Das liegt zum einen an dem schweren europäischen Qualifikationsmodus bei den Frauen (deutlich schwerer als bei den Männern), wo schon direkt die ganzen Topmannschaften aufeinandertreffen und zum anderen daran, dass das entscheidende Qualifikationsturnier der CONCACAF erst im November und Dezember 2026 ausgetragen wird und sich die USA und Kanada erst dann für die Frauen WM 2027 qualifizieren können. Und die europäischen Mannschaften die zur Weltspitze gehören haben natürlich die Chance, sich über die Playoffs im Herbst/Winter 2026 für die Frauen WM 2027 zu qualifizieren. Und Europa hat genug Startplätze (insgesamt 11 feste) für alle diese Mannschaften zur Verfügung.

Last edited 1 Stunde zuvor by sam1
Festivalknüller
Festivalknüller
37 Minuten zuvor
Reply to  sam1

Dies ist ein ESC und kein Fußball-Blog !

Festivalknüller
Festivalknüller
42 Minuten zuvor

Erwähnenswert wäre noch die Entwicklung, dass Länder sich mit englischsprachigen Untertiteln mehr Erfolg versprechen.
Was bei Italien im letzten Jahr vielleicht ganz hilfreich war, war bei Albanien dieses Jahr mit gelber Schrift auf grauem Grund allerdings eher etwas ablenkend und die Liedatmosphäre störend, da die Thematik eigentlich klar zu erkennen war.

funtasticc*
Mitglied
funtasticc*
15 Minuten zuvor

Gilt auch für Deutschland dieses Jahr… einen tiefgründigen englischen Text auch noch visuell zu unterstreichen macht Sinn. 😁

funtasticc*
Mitglied
funtasticc*
25 Minuten zuvor

„Zitti e buoni“ wurde nicht aufgrund der Sprache, sondern aufgrund des außergewöhnlichen Musikgenres und des Charismas der Band gewählt und „Stefania“ hat auch nicht wegen der Sprache, sondern hauptsächlich aufgrund der damaligen politischen Situation gewonnen.

Ja, die eigene Landessprache ist sicherlich authentischer und wenn dann doch mal unbekannte Titel wie „Bangaranga“ oder „Eins, zwei, drei“ vorkommen, dann macht es den Song eventuell interessanter, aber trotzdem will man verstehen, was da gesungen wird.

Ein gutes Beispiel ist da der diesjährige finnische Beitrag… zu den unverständlichen Namen der Interpreten kommt ein unverständlicher und komplizierter Titel zu einem unverständlichem Text und aus der Choreo konnte auch niemand erkennen, worum es überhaupt ging (ich weiß es bis heute nicht, weil mich der Song eh nicht interessierte und ich deshalb nicht recherchiert habe).

Authentizität und Charisma helfen, Emotionen müssen erkennbar sein und das Thema sollte irgendwie choreografisch erkennbar sein (z.B. Italien dieses Jahr). Der Zuschauer soll unterhalten und nicht mit Interpretationen überfordert werden, da hat er nämlich keine Lust drauf. Zu platt („Eins, zwei, drei“, „Fire“) sollte der Song allerdings auch nicht sein.

Und obwohl ich ein Fan von Landessprachen bin, sehe ich die Wahrscheinlichkeit eines Gewinns auch eher bei englischsprachigen Liedern. Wobei: UK singt seit vielen Jahren in englisch und hat zuletzt 1997 mit „Love shine a light“ gewonnen, danach ging es schwer bergab. So kann’s gehen. 😉

Gaby L
Gaby L
22 Minuten zuvor

Wenn ich mit Leuten spreche, die den ESC nur sporadisch verfolgen, die aber den ESC bzw. den „Grand Prix d’eurobison de la Chanson“ noch von früher kennen, sagen, sie finden es schade, dass so viele Songs auf Englisch gesungen werden. So würden sie doch relativ ähnlich klingen, bzw. irgendwie unauthentisch. Wenn ich jetzt mal an viele osteuropäische bzw. Balkanländer denke, da frage ich mich, warum sie sich denn mit Englisch abquälen, obwohl sie es doch oft mit der Aussprache schwerer haben.

Außerdem glaube ich auch nicht, dass es ausschließlich an der Sprache liegt, ob Songs gut oder schlecht abschneiden (sondern an der Darbietung und/oder am Song selber). 2023 hat ein Song auf Finnisch immerhin einen sehr guten zweiten Platz erreicht, die Sprache ist eher sekundär (oder letztes Jahr hat ein Song auf Schwedisch einen guten 4. Platz erreicht, während dieses Jahr ein englischsprachiger Song aus Schweden nach hinten durchgereicht wurde).