ESC-Songcheck kompakt 2022 (20) – Serbien: „In corpore sano“ von Konstrakta

Konstrakta – Foto: KOSTA ĐURAKOVIĆ

Serbien schickt in diesem Jahr wohl einen der ausgefallensten Beiträge ins Rennen: „In corpore sano“ bewegt sich musikalisch deutlich abseits vom Mainstream, ist optisch weit entfernt von typischen ESC-Performances und ganz anders als die Beiträge des Landes in den letzten Jahren.

„In corpore sano“ konnte sich in der von der serbischen Fernsehanstalt RTS neu etablierten Vorentscheidung „Pesma za Evroviziju“ (Lied für Eurovision) durchsetzen. Diese hatte das bekannte Format „Beovizija“ abgelöst. Insgesamt traten 36 Beiträge in einem ersten und einem zweiten Halbfinale an, im Finale kämpften 18 Songs um den Sieg. In einem Voting, dass sich zur Hälfte aus dem Urteil einer fünfköpfigen Jury und zur anderen Hälfte aus dem Televoting zusammensetzte, konnte sich am Ende Konstrakta mit dem Titel „In corpore sano“ durchsetzen. Sie holte sich knapp den Sieg bei den fünf Juror:innen und eindeutig die meisten Punkte bei den serbischen TV-Zuschauer:innen: In der SMS-Abstimmung erhielt sie mehr als 44.000 Stimmen und damit doppelt so viele wie die Zweitplatzierte.

Konstrakta ist eine serbische Sängerin und Songwriterin, die mit bürgerlichem Namen Ana Đurić heißt. Ihr Pseudonym wählte sie, weil sie es liebt, Reime auf eine bestimmte Weise mathematisch zu komponieren. Das passt auch zu ihrem Beruf im „normalen“ Leben: sie ist Architektin, genauso wie ihr Ehemann, mit dem sie zwei Kinder hat. In der Vergangenheit war sie schon Mitglied der Band „Zemlja gruva!“, die in den 10er-Jahren recht populär war, sowie Mitglied der Gruppe „Mistakemistake“. Außerdem trat sie 2019 im Film „Небеска тема“ (Himmlisches Thema) über Vlado Divljan in Erscheinung.

Der Song

Text und Musik des serbischen Beitrags stammen von Konstrakta selbst. An der Musik hat außerdem Milovan Bošković mitgeschrieben.

Der Sound von „In Corpore Sano“ ist minimalistisch-rational und etwas kühl-konstruiert. Konstrakta spricht mehr als dass sie singt, durch einen ausgeprägten Sprachrhythmus wirkt der Gesang trotzdem melodisch und rhythmisch. Ein Chor antwortet Konstrakta echoartig im Refrain, im Finale am Ende des Songs wird der Chor schließlich immer lauter und dominanter. Die Instrumentierung ist geprägt von verschiedenen Trommeln, Tom-Toms und Becken sowie Streichern, die den Song staccato-artig nach vorne treiben.

Der Text des Liedes kommt sehr künstlerisch daher und kann auf vielfältige Weise interpretiert werden. Die eigentliche Redewendung, auf die der Songtitel Bezug nimmt, heißt auf Lateinisch: „Mens sana in corpore sano“. Sie bedeutet „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“. Somit kann der Text als Kritik an der Fixierung auf den Körper und dem Vergessen der geistigen Gesundheit gesehen werden. Gleichzeitig wird das Aufgreifen von pseudowissenschaftlichen Gesundheitsratschlägen an den Pranger gestellt. Auch ein Bezug zur Corona-Pandemie, die neben der körperlichen auch noch die psychische Verfassung auf den Prüfstand stellt, lässt sich, insbesondere durch die Performance mit dem Hände waschen, herstellen („Ein verängstigter Geist in einem gesunden Körper. Was machen wir jetzt?“)

Der Song ist aber auch eine Kritik am serbischen Gesundheitssystem, welches freischaffende Künstler aus der Krankenversicherung ausschließt und somit zwingt, stets in „einem gesunden Körper“ zu leben. Das hat für Konstrakta auch einen ganz persönlichen Hintergrund: im letzten Jahr ist ein Mitglied ihrer Band an Leukämie gestorben. Diese recht ernsten Themen werden im Text häufig in ironisch-satirischer Art und Weise dargestellt. So fragt Konstrakta am Anfang des Songs zweimal: „Was ist das Geheimnis von Meghan Markles gesunden Haaren?“

Der Check

Song: 3/5 Punkten

Stimme: 2,5/5 Punkten

Darbietung: 5/5 Punkten

Instant Appeal: 4/5 Punkten

Benny: Das ist Kunst. Ich mag das hypnotische und ich mag die Backings. Allerdings hält sich mein Bedürfnis eher in Grenzen, nach zwei Jahren Corona-Pandemie Menschen drei Minuten lang beim Händewaschen zuzuschauen. Ich bin unentschlossen. 6 Punkte.

Berenike: Ich liebe es! Schon als ich den lateinischen Namen des Siegertitels der serbischen Vorentscheidung gelesen habe, war ich leicht neugierig, und als ich dann die Performance angeschaut habe, war ich geflasht. Das war so bizarr, so speziell und für mich so faszinierend. Ich fand den Auftritt schon gut, als ich noch nichts vom Text verstanden habe, nachdem ich den Hintergrund erfahren habe, umso mehr. Ich finde es schön, wenn Lieder auch mal ganz „realistische“ Probleme ansprechen und nicht nur Love, Love, (Nicht-mehr-Love) und Peace, Peace. Ich kann verstehen, dass viele damit nichts anfangen können, für mich ist das aber faszinierende musikalische Performance Art. Außerdem finde ich den Sprachrhythmus genial: „Biti zdrava, biti zdrava – Može, može, može“ ist wahrscheinlich meine Lieblingszeile des diesjährigen Song Contest. Eindeutige 12 Punkte.

Douze Points: Als ich den Song beim Live-Blog vom serbischen Finale als letzten Beitrag hörte (und sah!), war ich gleich positiv angetan. Der Titel und der Auftritt faszinieren einfach. Das haben die Aufrufe des Videos nach der Qualifikation gezeigt – und die Reaktionen der Menschen in meinem Umfeld, die Konstrakta zum ersten Mal erleben. Und das alles, obwohl man die Aussage des Liedes wirklich nicht erschließen kann. Auch wenn „In corpore sano“ bei mir in der Jahrgangs-Playlist nicht soweit oben ist, freue ich mich auf ihren Auftritt in Turin sehr. 8 Punkte.

Flo: Ich verstehe die Aufmerksamkeit für den serbischen Beitrag, den man eher als Kunstwerk bezeichnen müsste. Zumindest ist hier das Gesamtpaket mit Auftritt und der Botschaft hinter „In corpore sano“ zu bewerten. Ohne mich genauer mit der Geschichte zu befassen, hatte ich jedoch keinen Schimmer, was Konstrakta mit dem Song bezwecken will. Genau das sehe ich auch als problematisch, denn es ist kaum zu erwarten, dass die Bemerkungen der Kommentatoren beim ESC vor dem Auftritt ausreichen, damit alle dem Auftritt folgen können. Ein solides Ergebnis dürfte aber dennoch herausspringen. 5 Punkte.

Manu: Ich weiß noch immer nicht, was ich von Konstraktas Lied halten soll. Rein musikalisch kann ich mir das anhören, auch wenn es keinen großartigen Sog auf mich ausübt. Textlich bleibt „In corpore sano“ in meinem Empfinden sehr schwierig. Ihr Auftritt hinterlässt bei mir viele Fragezeichen, ohne dabei mein Interesse zu wecken. Ich finde es spannend, dass dieser Beitrag von vielen so überschwänglich gefeiert wird – übrig bleiben am Ende bei mir immerhin noch 4 Punkte.

Max: Jetzt werde ich in meinem geliebten Serbien vielleicht dafür gehasst: Ich mag den serbischen Beitrag überhaupt nicht. Also so gar nicht. Ich verstehe die Message und auch die Symbolik bei „In corpore sano“. Ich finde schon die Strophen nicht wirklich eingängig, aber spätestens beim Refrain will ich mich verkriechen. Das ist absolut nicht meins und nervt mich, auch wenn ich hin und wieder Fetzen von dem Lied höre. Klar, Serbien hatte im vergangenen Jahr keine Qualität geliefert, sondern einen Guilty-Pleasure-Beitrag. DEN Guilty-Pleasure-Beitrag. Dieses Jahr wird es wahrscheinlich meine persönliche rote Laterne bleiben. 1 Punkt, es tut mir leid Serbien.

Peter: Das ist Kunst. Für mich spielt Konstrakta ganz ganz oben mit. Zumindest in meiner persönlichen Favoritenliste rangiert das neben Italien und Norwegen auf der Playlist „Das bleibt drauf nach dem Finale“. Ganz entfernt erinnert mich das an Laing („Zeig deine Muskeln“), nur mysteriöser, anspruchsvoller, eleganter, provozierend mitreißend. Mir ist megasympathisch, dass sich der kantige, modern reduzierte Song dem Hörer nicht anbiedert, aber so viele Elemente bietet, in denen man sich verfangen kann. Der „Sprechvortrag“ hat es mir besonders angetan. Das Video ist megacool. Ich will das UNBEDINGT im Finale haben, liebe ESC-Götter, bitte helft dabei. 12 Punkte.

Rick: Wow – weder habe ich erwartet, dass sich Konstrakta im Vorentscheid durchsetzt, noch habe ich die Message des Songs im ersten Moment verstanden. Mit dem Hintergrundwissen zum Text ergibt natürlich alles Sinn und könnte auch viele Zuschauer:innen in Europa ansprechen. Aber halt nur, wenn man auch versteht, worum es geht. Ich hoffe also auf teilweise englischen Text in Turin und dann sehe ich Serbien echt als großen Geheimfavoriten, um ehrlich zu sein. Musikalisch definitiv zeitgemäß und speziell genug. Ich vergebe gute 7 Punkte.

Gesamtpunktzahl: 55/96 Punkten.

Beim ESC-kompakt-Index landet „In corpore sano“ auf Platz 14 von 40.

Wie schneidet der serbische Beitrag "In corpore sano" von Konstrakta ab?

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Bisher erschienene Songchecks:

Erste Hälfte des ersten Semis

(1) Albanien: „Sekret“ von Ronela Hajati
(2) Bulgarien: „Intention“ von Intelligent Music Project
(3) Lettland: „Eat Your Salad“ von Citi Zēni
(4) Litauen: „Sentimentai“ von Monika Liu
(5) Moldau: „Trenuleţul“ von Zdob şi Zdub & Fraţii Advahov
(6) Niederlande: „De Diepte“ von S10
(7) Schweiz: „Boys Do Cry“ von Marius Bear
(8) Slowenien: „Disko“ von LPS
(9) Ukraine: „Stefania“ von Kalush Orchestra

Zweite Hälfte des ersten Semis

(10) Armenien: „SNAP“ von Rosa Linn
(11) Dänemark: „The Show“ von REDDI
(12) Griechenland: „Die Together“ von Amanda Tenfjord
(13) Island: „Með Hækkandi Sól“ von Systur
(14) Kroatien: „Guilty Pleasure“ von Mia Dimšić
(15) Norwegen: „Give That Wolf A Banana“ von Subwoolfer
(16) Österreich: „Halo“ von LUM!X und Pia Maria
(17) Portugal: „saudade, saudade“ von MARO

Erste Hälfte des zweiten Semis

(18) Finnland: „Jezebel“ von The Rasmus
(19) Israel: „I.M“ von Michael Ben David


86 Kommentare

  1. In Tel Aviv wurde Konstrakta jedenfalls gefeiert und da gab es eine andere Performance..

  2. Der Song macht neugierig und wenn man den Text versteht bzw sich übersetzen läßt, macht das Ganze viel Sinn. Aber erklärungsbedürftige Beiträge haben es beim ESC noch vier weit gebracht. Wer sich hier auf ESCKompakt oder anderen ESC-Plattformen tummelt und ESC-Preparties besucht, gehört eher zu den ESC-Afficionados und ist nicht repräsentativ für den „normalen“ ESC-Zuschauer. Und derer sind weit in der Überzahl. Vielleicht hat ein solcher Song noch Chancen, das Halbfinal zu überstehen, aber im Finale haben solche Titel keine Chance. Ich persönlich finde den Song musikalisch wie inhaltlich interessant und sehr anspruchsvoll. Aber mal ehrlich: Auf meiner daily Playlist fürs Auto oder Fitness-Studio wird er nicht zu finden sein.

  3. Hmmmm … Sprache, die die meisten nicht verstehen und ein lateinischer Titel … das hat doch vor zehn Jahren schon mal ziemlich gut geklappt …

    Das hier ist ein Kunstwerk, dass nicht jeder versteht (ich auch nicht, hab den Text noch nicht angeschaut), aber es fällt auf. Und darum gehts. Die Startnummer im Semi ist zwar miserabel, aber das heißt noch gar nix. Ich denke, das könnte im Finale an der linken Seite kratzen.

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