Kino statt Fernsehen? Wie der ESC 2026 mit neuen Kameras inszeniert wurde (Viva Vienna 33)

Bild: Instagram @riedelcommunications

In diesem Jahr hat es eine elementare Veränderung beim Eurovision Song Contest gegeben: Die gesamte Show in Wien wurde erstmalig mit Kameras gefilmt, die eigentlich nicht für TV-Sendungen, sondern für Film-Produktionen genutzt werden. Ziel dieser technischen Maßnahme war es, beeindruckende, cinematische Bilder zu kreieren. Wie es zu diesem ungewöhnlichen Schritt gekommen ist, wie die konkrete Umsetzung aussah und welche Auswirkungen die neuen Kameras auf das Fernsehbild hatten, möchte ich in diesem Artikel genauer beleuchten.

In dieser Ausgabe von unserer Rückblickserie Viva Vienna möchte ich der beim vergangenen ESC eingesetzten neuen Kameratechnik einen Raum geben. Denn diese technischen Neuerung wurde aus meiner Sicht überraschend wenig in Fankreisen thematisiert. Umso glücklicher bin ich, dass ich für die Betrachtung des Themas die Meinung eines Technikexperten einholen konnte. Danio, der Mann, der hinter all der hervorragenden Technik-Arbeit steckt, die im Zuge unserer ESC kompakt-Reactions anfällt, hat mir verraten, warum er von der neuen Kameratechnik begeistert ist.

Doch fangen wir von vorne an und fassen alle wichtigen Infos zusammen: Für die Aufzeichnung des Song Contest in Wien stellte die Technik-Firma ARRI 24 ALEXA-35-Live-Kameras. Von diesen 24 Kameras waren acht Kameras mit großen Zoom-Objektiven ausgestattet, mit denen sich von jeder Position aus Bühnentotalen, aber auch Nahaufnahmen einfangen ließen. Neun weitere Kameras übertrugen ihr Bild drahtlos. Davon wurden vier als Handheld-Kameras von Kameraleuten getragen, vier standen fest an einem bestimmten Platz und eine ist auf einem Schienensystem an der Bühne entlang gefahren. Dazu kamen noch sieben Spezialkameras, die auf Kränen sowie beweglichen Schienensystemen montiert waren.

Die Technik der Firma ARRI kommt seit mehr als einem Jahrhundert bei großen Filmproduktionen zum Einsatz. Die Kameras des deutschen Herstellers mit Sitz in München wurden bereits für viele Oscar-prämierte Filme genutzt. Die Kameratechnik von ARRI dominiert also die Kinofilm-Produktion. Die Übertragungen von Live-TV-Shows sind für ARRI allerdings Neuland. Hier kämpfen traditionell Firmen wie Grass Valley oder Sony um die Vorherrschaft. Dass klassische Filmkameras für die Übertragung einer Fernseh-Live-Show genutzt werden, stellt somit ein Novum in der Branche dar. In einem Interview mit CineD erklärt Sean Dooley von ARRI, dass sich dieser Schritt in einem größeren Kontext verorten lässt:

„Ich denke, wir erleben definitiv einen allgemeinen Trend. In der Vergangenheit hatten wir gewissermaßen zwei parallele Welten: Auf der einen Seite die Broadcast-Technologie, auf der anderen die Film- bzw. Kinotechnologie, die jeweils in ihren eigenen Welten operierten. Aber wir sehen ganz eindeutig einen Trend dahin, dass diese beiden Welten zusammenwachsen.“

Vorteile für die Fernsehbilder sollen die klassischen Filmkameras vor allem im Hinblick auf Dynamikumfang, Farbwiedergabe und kreative Gestaltungsmöglichkeiten bringen.

Aber warum hat man sich von Seiten der Technikfirma und von Seiten des ORF gerade jetzt dafür entschieden, etwas Neues auszuprobieren? Grund dafür ist wahrscheinlich die in diesem Jahr erfolgte Übernahme von ARRI durch Riedel Communications. Riedel verantwortete schon mehrere Jahre die technische Infrastruktur beim ESC. Der ORF nutzte diese Zusammenarbeit und machte es sich, so heißt es auf der Internetseite von Riedel, zum Ziel, „einen emotionaleren, filmischeren Look mit größerer Nähe zu den Künstlern zu schaffen und gleichzeitig die operative Robustheit einer klassischen Live-Übertragung zu erhalten.“ Doch dafür musste zunächst die Firma NEP helfen, die ARRI-Kinokameras technisch in die bestehende ESC-Broadcast-Welt einzufügen.

Den ganzen Prozess der Implementierung der ARRI-Kameras hat ein Filmteam von CineD in einer YouTube-Reportage festgehalten. Dabei haben sie die Montage und Einrichtung der Kameras, den Ablauf der Proben sowie die Entwicklung eines speziellen Workflows dokumentiert, mit dem für jeden Act ein individueller Bildlook erstellt und direkt in die Kameras geladen werden konnte:

Aber kommen wir nun zur Gretchenfrage: Welche Auswirkungen hatte die neue Kameratechnik für die Zuschauer*innen? Um diese Frage zu beantworten, habe ich Danio gefragt, was er von den für den ESC in Wien genutzten Filmkameras hält. Danio ist bei ESC kompakt für die Technik verantwortlich, die bei den ESC kompakt Reactions zum Einsatz kommt und hat eine klare Meinung zu der ARRI-Technik:

„Der Einsatz der ARRI-Kameras gibt den Ländern eine noch umfassendere Möglichkeit, ihren Beitrag visuell zu gestalten. Dabei können verschiedene Farbeinstellungen beziehungsweise Shader und Objektive genutzt werden, die sich zum Teil sogar während der Performance wechseln lassen. In den letzten Jahren entwickeln sich die Performances zunehmend zu echten Kunstwerken, die nicht nur das Lied unterstützen, sondern eine eigene Geschichte erzählen (siehe Bulgarien in diesem Jahr). Diese Entwicklung wird durch die neuen Kameras weiter vorangetrieben. Sie bieten neben den Kameraeinstellungen, dem Lichtdesign und den Requisiten eine weitere Möglichkeit, sich von den anderen Acts abzuheben. Zudem erhöht sich die generelle Bildqualität des ESC. Pyro-Effekte oder besonders helle Lichter brennen nicht aus, sondern werden detailgetreu abgebildet. Ich hoffe sehr, dass diese Kameras auch in den nächsten Jahren weiterhin verwendet werden. So können die Delegationen und Veranstalter mehr Erfahrung sammeln, um das Potenzial der Technik voll auszuschöpfen.“

Die positiven Effekte der ARRI-Kameras kann man in dem folgenden Video gut erkennen:

Auf der Website von ARRI selbst heißt es übersetzt:

„Der Unterschied in der Bildqualität ist unmittelbar erkennbar. Wir haben Vergleichsaufnahmen gesehen, bei denen herkömmliche Broadcast-Kameras und die ALEXA 35 Live dieselben Auftritte aufgenommen haben. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede bei der Farbabstufung, der Darstellung von Details in hellen und dunklen Bildbereichen und beim Dynamikumfang. Ob die Zuschauer zu Hause diesen Unterschied bewusst wahrnehmen werden, ist allerdings eine andere Frage.“

Das ist vermutlich genau der Punkt: Ohne den direkten Vergleich wird dem Publikum, das nicht bewusst auf die Bildqualität geachtet hat, die Neuerung wahrscheinlich gar nicht aufgefallen sein. Ob mir die Veränderung aufgefallen wäre, wenn ich nicht schon vorher darüber Bescheid gewusst hätte, weiß ich nicht. Jedenfalls müsste ich die neuen Kameras noch einmal bei einem Einsatz auf einer anderen ESC-Bühne sehen, um mir eine klare Meinung über die Thematik zu bilden. Grundsätzlich finde ich den dramatischen Look und die klaren Bilder cool. Allerdings habe ich das Gefühl, dass gerade die detailgetreue Abbildung von Lichtern dem Contest seine Live-Show-Atmosphäre ein wenig nimmt. Alles wirkt etwas mehr wie ein Video und weniger wie ein Musik-Konzert, bei dem auch mal Lichter authentisch und ästhetisch verschwimmen oder blenden.

Ob die ARRI-Filmkameras auch im nächsten Jahr zum Einsatz kommen sollen oder man in Bulgarien wieder auf die klassischen Modelle für eine TV-Live-Show zurückgreift, wurde noch nicht öffentlich thematisiert.

Mich würde jetzt besonders Deine Meinung interessieren. Ist Dir die neue Kameratechnik beim Schauen des ESC aufgefallen? Und wie gefällt Dir die cinematische Optik, die bei den diesjährigen ESC-Auftritten zu sehen war? Schreib uns Deine Gedanken dazu gerne in die Kommentare. 

In unserer Reihe Viva Vienna bereits erschienen:

Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:



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9 Comments
Matty
Matty
3 Stunden zuvor

Danke für die Info, liebe Giulia! Nachöese Viva Vienna toppt mit 33 Folgen und das ist neuer Rekord!

Was ich mnoch gür die Zukunft wünsche ist, daß es keine Kamerafails mehr gibt. Dieses Jahr traf es Tschechien und 2024 Österreich und beiden Ländern wurde ein zweiter Auftritt im Finale nicht gestattet.

Last edited 2 Stunden zuvor by Matty
Geri
Geri
2 Stunden zuvor

Also
Schwedische Verantwortliche lernt was dazu
!
Tschechien war zwar heuer auch betroffen aber nicht so krass wie Kaleen.

KarinM
KarinM
1 Stunde zuvor
Reply to  Geri

nicht zu vergessen Zoe Me, wobei ich nicht verstehe, warum nicht sofort auf eine andere Kamera umgeschaltet wird, pennen die da?

Last edited 1 Stunde zuvor by KarinM
Geri
Geri
1 Stunde zuvor
Reply to  KarinM

Da waren diese unnötigen Schnüre schuld.
Man sah sozusagen den Wald vor lauter Schnüren nicht.
Schade um diesen guten Beitrag.
Mit reduzierter Inszenierung wäre sicher mehr möglich gewesen.

Joey99
Joey99
5 Minuten zuvor
Reply to  KarinM

Läuft ja alles automatisiert mit der „LiveEdit“ Software ab, sofort auf eine andere Kamera umschalten ist praktisch unmöglich. Hat der Regisseur in allen Fällen auch probiert, pennen tut da garantiert keiner. Ein Restrisiko, wenn man mit Funk-Steadicams arbeitet, wird immer bestehen, überhaupt wenn man mit Spiegel-Wänden als Props arbeitet.

Malge1985
Malge1985
2 Stunden zuvor

Da müsste ich nach den durchlesen des Artikels doch glatt mein Lieblingskamerasong anhören. 🫠🫠🫠

Timo1986
Timo1986
2 Stunden zuvor

Wenn der ESC 2028 in München stattfindet, dann wird der ESC dank der Bavaria Filmstudios zu einem Kinoerlebnis der ersten Klasse. 😀

Vor allem relevante Details wie der ESC-Auftritt des italienischen ESC-Beitrages von Annalisa oder die Verkündung der Jurypunkte aus Österreich von Philipp Hansa werden Hollywood-reif in Szene gesetzt. 😀

KarinM
KarinM
1 Stunde zuvor
Reply to  Timo1986

warum in München, weil Italien auf die Ausrichtung verzichtet?😅

Timo1986
Timo1986
41 Minuten zuvor
Reply to  KarinM

Nein ,weil Sarah Connor den ESC 2027 in Bulgarien für Deutschland gewinnt und Annalisa dann den ESC in München für Italien 2028 nach Mailand holt. 😀