ESC-Songcheck kompakt 2022 (25) – Australien: „Not The Same“ von Sheldon Riley

Am 26. Februar wurde Sheldon Riley, der bereits im Vorfeld als Favorit gehandelt worden war, bei der australischen Vorentscheidung „Eurovision – Australia Decides“ knapp zum Sieger gekürt. Dafür reichte ihm ein zweiter Platz bei den Juroren und ein ebensolcher bei den Televotern.

Bis Ende September 2021 konnten interessierte Songwriter ihre Beiträge für die Vorentscheidung beim australischen Fernsehen SBS einreichen. Über ein internes Auswahlverfahren wurden zehn Teilnehmer/innen für die Vorentscheidung bestimmt. Die Künstler/innen wurden von Ende Oktober bis Mitte Dezember nach und nach bekanntgegeben. Ein weiterer Act wurde über einen TikTok-Wettbewerb bestimmt. Bei der Vorentscheidung in Gold Coast hatten Jury und Televoter je 50% Stimmenanteil.

Sheldon Riley Hernandez ist in Australien eine starke Stimme für die LGBTIQ+ Community. Er ist 23 Jahre alt und kommt aus Sydney. Seine Mutter ist aus Australien, sein Vater stammt von den Philippinen. Sheldon hat 2016 an „X Factor Australia“ teilgenommen und gelang in Australien zu großer Bekanntheit und Beliebtheit durch seine zweimalige Teilnahme an „The Voice Australia“, wo er 2018 Dritter wurde. 2020 nahm er sogar an „America’s Got Talent“ teil, wo er das Viertelfinale erreicht hat und wo speziell Kylie (Minogue) ihn in ihr Herz schloss.

Der Song

Seinen Song „Not The Same“ hat Sheldon Riley selbst geschrieben und das schon 2015. Seitdem hat er sechs Jahre an dem Track gearbeitet, bis er sich mit einer stark überarbeiteten Version des Titels für „Australia Decides“ beworben hat. Auf Eurovision.tv ist außerdem Cam Nacson als Komponist des Titels mit angegeben.

Über seinen Eurovisionsbeitrag sagt der Sheldon selbst: „Es ist die Geschichte, von der ich nie gedacht hätte, dass ich sie jemals erzählen könnte. Geschrieben aus den Erinnerungen eines Kindes, bei dem im Alter von 6 Jahren das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde. Ich wuchs in Sozialwohnungen auf, zog von Haus zu Haus, wusste nichts von meiner Sexualität und lebte in einer tief religiösen Familie. Die Weichen waren bereits gestellt, dass ich nie in der Lage sein würde, andere Menschen richtig zu verstehen oder mit ihnen zu interagieren“.

Inhaltlich geht es entsprechend um das Außenseiterdasein und wie schwer einem das Leben mitspielt, wenn man nicht so ist wie die anderen. Man versucht so zu sein wie die anderen, dann versteckt man sich und erkennt im besten Fall sein wahres Ich. So endet auch das Lied einigermaßen versöhnlich, dass man selbst nicht der einzige „andere“ ist, sondern dass wir alle nicht gleich sind.

Die klassisch-moderne Bühnenballade beginnt mit ruhiger Klavieruntermalung, die Stimme ist entspannt und für einen Tenor vergleichsweise tief. Das ändert sich mit der zunehmenden Dramatik zum – nunja – Refrain. Da präsentiert der Sänger seine Stimme auch in den höheren Tonlagen. Nach dem zweiten Refrain erhält das Lied einen anklagenden und treibenden Charakter. Nach einem hochdramatischen Break kommt mit erst zerbrechlicher Stimme, anschließend umso stärker das Finale.

Bei all dem lebt das Lied ganz wesentlich von der gleichermaßen zurückgekommenen sowie kitschig-überhöhten Präsentation. Der Perlenschleier vor dem Gesicht, die riesige schwarze Schleppe und der Industrieventilator im Hintergrund sind wesentlichen Elemente der Inszenierung, die man mit viel gutem Willen auch in Bezug auf das Lied interpretieren kann.

Der Check

Song: 2/5 Punkten

Stimme: 4/5 Punkten

Darbietung: 4/5 Punkten

Instant Appeal: 3/5 Punkten

Benny: Ich kann leider gar nicht sagen, ob mir das Lied gefällt, weil ich vor lauter Stimmakrobatik die Melodie nicht finde und vor lauter Theatralik das Gefühl verloren geht. Dazu gefällt mir Sheldons Stimme leider gar nicht. Für mich der schlechteste australische Beitrag ever. 3 Punkte.

Berenike: Auf mich wirkt „Not The Same“ stimmlich überperformt. Sheldon erschlägt mich mit seiner Stimme, die einzige Botschaft, die bei mir beim Anhören ankommt, ist: „Hört her, was ich für eine tolle Stimme habe, wie lange ich die Töne ziehen kann und wie laut ich singen kann“. Die Message des Texts und die emotionale Authentizität ertrinken in der Melodramatik. 2 Punkte.

Douze Points: Bill Ramsey sang seinerzeit von „der kleinen, süßen Biene mit der Tüllgardine vor dem Babydoll-Gesicht“. Australien schickt statt Suleika (so hieß die Biene) Sheldon Riley mit seinem Insekten-Perlen-Türvorhang vom Sommerhaus im Umland von Sydney. Übertrieben theatralische Selbstmitleid-Selbstbestätigungsballade, die es so nur auf der ESC-Bühne gibt. Aufgesetzt, stimmlich dahingeknödelt und unendlich repetitiv. 3 Punkte (3 für die Botschaft).

Flo: Eigentlich gefallen mir oft Balladen beim ESC besser, besonders, wenn sie von stimmlich starken Künstlerinnen und Künstlern gesungen werden. Letzteres ist bei Sheldon Riley absolut der Fall. Dennoch gefällt mir „Not The Same“ nur bedingt. Die Botschaft dahinter ist sehr persönlich und es ist mutig, dass er diese so auf der Bühne transportiert. Mir ist jedoch vor allem die Performance zu stark dramatisiert, zudem ist der Song für mich eindeutig auf die Bühnenperformance ausgelegt, als Song für sich würde ich mir ihn eher nicht anhören. 4 Punkte.

Manu: Schon vor 2 Jahren erwartete ich Sheldon Riley im australischen Vorentscheid, in diesem Jahr war es dann „endlich“ soweit. Sheldon kann ohne Frage fantastisch singen, besitzt dazu ein gutes Händchen bei seinem auffälligen, aber passenden Staging inkl. seiner Klamotten. Textlich müsste mich „Not The Same“ ansprechen – und doch empfinde ich nichts dabei. Weder als Audio noch beim Auftritt im Vorentscheid erreicht mich sein Lied. Wenn er sich, nachdem er seine Maske lüftet, dreimal die Haare richtet, anstatt pur bei sich und seiner Emotion zu sein, bin ich sogar genervt. Sorry, ich kann da leider nur 3 Punkte geben.

Max: Ich habe bereits in anderen Kurzkommentaren erwähnt, dass ich kein Balladen-Fan bin. „Not The Same“ wird nicht mehr zu meinem Lieblingslied, aber der Song reißt doch schon mit. Der Refrain ist sehr stark und wird durch Sheldons besondere Stimme getragen. Die Dramatik kommt auch bei der Inszenierung gut rüber und wird in Turin noch einmal eindrucksvoller sein. Es ist für mich einer der stärksten Balladen im Jahrgang. 7 Punkte von mir nach Down Under.

Peter: Drama bis zum Anschlag – inklusive der Swarovski-Style Gesichtsverhüllung von Sheldon, die objektiv affig ist und subjektiv so gaycamp-überzogen wirkt, dass man ihn in den Arm nehmen will als Botschafter der LGBTIQ+ Community, für die er sich in Australien stark macht. Seine fantastische Tenor-Stimme, der identifikationsstarke Songtext mit sehr persönlichen Elementen und die pathetisch-kraftvolle musikalische Inszenierung lassen „Not The Same“ strahlen, obwohl der Song selbst nicht so catchy ist, wie es für den ESC wünschenswert wäre. 10 Punkte.

Rick: Cool, dass die Inszenierung nicht zu überladen ist, denn Sheldon alleine ist ja schon eine Erscheinung. Die Lyrics sind stellenweise zwar eintönig, allerdings mag ich die Message und vor allem die letzte Minute des Songs, in der alles an Emotionen ausgepackt wird. Im Großen und Ganzen denke ich aber, dass man Sheldon einen interessanteren Song (von der Produktion und dem Stil her) hätte geben können. Mir ist es insgesamt etwas zu dramatisch – ich gebe gute 4 Punkte.

Gesamtpunktzahl: 36/96 Punkten.

Beim ESC-kompakt-Index landet „Not The Same“ auf Platz 20 von 40.

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Bisher erschienene Songchecks:

Erste Hälfte des ersten Semis

(1) Albanien: „Sekret“ von Ronela Hajati
(2) Bulgarien: „Intention“ von Intelligent Music Project
(3) Lettland: „Eat Your Salad“ von Citi Zēni
(4) Litauen: „Sentimentai“ von Monika Liu
(5) Moldau: „Trenuleţul“ von Zdob şi Zdub & Fraţii Advahov
(6) Niederlande: „De Diepte“ von S10
(7) Schweiz: „Boys Do Cry“ von Marius Bear
(8) Slowenien: „Disko“ von LPS
(9) Ukraine: „Stefania“ von Kalush Orchestra

Zweite Hälfte des ersten Semis

(10) Armenien: „SNAP“ von Rosa Linn
(11) Dänemark: „The Show“ von REDDI
(12) Griechenland: „Die Together“ von Amanda Tenfjord
(13) Island: „Með Hækkandi Sól“ von Systur
(14) Kroatien: „Guilty Pleasure“ von Mia Dimšić
(15) Norwegen: „Give That Wolf A Banana“ von Subwoolfer
(16) Österreich: „Halo“ von LUM!X und Pia Maria
(17) Portugal: „saudade, saudade“ von MARO

Erste Hälfte des zweiten Semis

(18) Finnland: „Jezebel“ von The Rasmus
(19) Israel: „I.M“ von Michael Ben David
(20) Serbien: „In corpore sano“ von Konstrakta
(21) Aserbaidschan: „Fade To Black“ von Nadir Rustamli
(22) Georgien: „Lock Me In“ von Circus Mircus
(23) Malta: „I Am What I Am“ von Emma Muscat
(24) San Marino: „Stripper“ von Achille Lauro


107 Kommentare

  1. Für alle Fans von Sheldon hier übrigens nochmal das Original zur „Not The Same“-Inspiration. Wirklich schade, dass Sheldon so sehr in sich gefangen ist – aber singen kann er auf jeden Fall ordentlich:

  2. Song, Stimme, Darbietung: Hat Intensität, aber alles andere lenkt ab.

    Instant Appeal: Nö.

    Finale: hoffentlich nicht.
    Gewinner: nein.

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