Wie gut haben Wetten, Leser und Blogger das Ergebnis des ESC 2026 vorhergesagt? (Viva Vienna 42)

Pete Parkkonen – Foto: Alma Bengtson/EBU

Als DARA am 17. Mai 2026 kurz nach 1 Uhr nachts die Eurovision-Trophäe in die Höhe hielt, herrschten vor allem zwei Gefühle bei vielen vor: Freude und Verwunderung. So einen großen Überraschungssieger gab es beim Eurovision Song Contest schon lange nicht mehr. Wie weit die Siegprognosen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in den Wettquoten sowie bei Abstimmungen und Prognosen von Fans und Blogger*innen daneben lagen, aber auch ob die Top 5 und die Platzierungen im Finale besser vorhergesehen wurden, wollen wir im letzten Stück unsere Reihe „Viva Vienna“ analysieren.

Ähnliche Auswertungen gab es auch für die ESCs in Basel, Malmö, Liverpool, Turin und Rotterdam, die in diesem Artikel auch vergleichend betrachtet werden. Zuerst aber ein Blick auf das aktuelle Jahr. Dabei schauen wir zum einen die Wettquoten an und zum anderen das Ergebnis des ESC-kompakt-Index, die Prognose der ESC-kompakt-Leser*innen bei den Songchecks und im Tippspiel sowie die Prognose der Blogger*innen.

Wettquoten

Die Wettquoten betrachten wir zu drei unterschiedlichen Zeitpunkten: im März, nachdem alle Beiträge veröffentlicht waren (16.03.2026), nach den Proben vor der ersten Show vor Publikum (10.05.2026) und direkt vor dem Finale (16.05.2026).

Um einzuschätzen, wie gut die Wettprognosen lagen, wurden alle teilnehmenden Beiträge von 1 bis 35 gerankt. Platz 1 bis 25 entspricht dem Ergebnis des ESC 2026, ab Platz 26 wurden die Beiträge nach den erhaltenen Punktzahlen in den Halbfinals gereiht. Anschließend wurde die Differenz aus der realem Platzierung und gewetteten Platzierung gebildet.

Das ist natürlich nur eine Behelfslösung, um einen mathematischen Auswertungsweg zu finden. Eigentlich wird ein Land nicht auf den Platz gewettet: wenn ein Land auf Position 6 der Wettquoten steht, heißt das nicht, dass gewettet wird, dass es diese erreicht, sondern dass es am sechstwahrscheinlichsten gewinnt. Tendenzen der Über- und Unterschätzung kann dieser Modus der Auswertung aber auf jeden Fall trotzdem gut aufzeigen.

Anschließend wurden die absoluten Abweichungen auf unterschiedliche Art und Weise addiert. Ein geringer Summenwert bedeutet dabei, dass die getippten Platzierungen nahe an den realen Platzierungen lagen, ein hoher Wert spricht für große Differenzen.

Bei der Auswertung stand dann zum einen die Frage im Vordergrund, inwieweit der reale Platz vom gewetteten Sieger abwich bzw. inwieweit sich die realen Platzierungen von den gewetteten Top-5-Plätzen unterschieden („Sieger Tipp“, „Top 5 Tipp“). Als Beispiel für den Sieger: Finnland wurde am 16.03.2026 als Gewinner getippt, wurde aber sechster, also beträgt die absolute Abweichung 5. Die Abweichung der Top 5 zu diesem Zeitpunkt errechnet sich aus den absoluten Differenzen der Plätze der in die Top 5 gewetteten Länder Finnland, Frankreich, Dänemark, Griechenland und Australien (5+9+4+6+1=25). Auf gleiche Weise wurde die Abweichung für alle Plätze im Finale und für alle Teilnehmer berechnet.

Zum Zweiten ging es darum, welchen Platz der reale Sieger in den Wettprognosen hatte und welche Plätze die Länder in der realen Top 5 bei den Wetten hatten („Sieger Real“, „Top 5 Real“). Beispielsweise stand die Erstplatzierte DARA am 16.03.2026 auf Platz 14 der Wettquoten, die Differenz beträgt also absolut 13. Für die die Auswertung der Top 5 wurden dann die absoluten Abweichungen von Bulgarien, Israel, Rumänien, Australien und Italien addiert (13+5+14+1+3=35).

Die zweite Auswertung ist in diesem Jahr neu, weil insbesondere durch die große Platzdifferenz von „Bangaranga“ auffiel, dass beide Betrachtungsweisen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen können. Zum Vergleich wurde diese Berechnungen aber auch für die vergangenen Jahre ergänzt und die Ergebnisse finden sich in der zweiten Tabelle.

Dieses Bild ergibt sich bei den Wetten von 2026:

Tabelle mit dem Vergleich der Wettquoten und dem realen Ergebnis

Dass DARA zu Anfang absolut unterschätzt wurde, springt als erstes ins Auge. In den Wettquoten nach Veröffentlichung der Beiträge stand sie auf Platz 14 und auch nach den Proben kaum verändert auf Platz 15. Erst kurz vor dem Finale und nach Kenntnis des Auftritts aus dem Halbfinale deutete sich das Momentum von „Bangaranga“ an, als der Beitrag bis auf Platz 4 der Wettquoten kletterte. Auch das drittplatzierte Rumänien wurde ähnlich wie Bulgarien am Anfang der Saison unterschätzt (Platz 17 der Wettquoten), wurde dann aber nach den Proben und noch etwas mehr vor dem Finale realistischer getippt (Platz 9 und Platz 6 der Wettquoten).

Am besten wurde die Platzierung von Australien vorhergesagt, zu allen Zeitpunkten lag die gewettete Position nur ein bis zwei Plätze neben dem realen vierten Platz. Und auch bei Israel und Italien war die absolute Abweichung nicht extrem, wenngleich beide zu allen Zeitpunkten etwas unterschätzt wurden.

Nach Veröffentlichung der Beiträge und nach den Proben wurden gleichermaßen Finnland, Frankreich, Dänemark und Griechenland überschätzt. Finnland wurde als Sieger gesehen, landete dann aber nur auf Platz 6. Die anderen Länder wurden in den Top 4 gesehen, mussten sich am Ende aber mit Position 7, 10 und 11 zufriedengeben. Auch direkt vor dem Finale wurde Finnland, das weiterhin als Sieger gewettet wurde, noch viel zu viel zugetraut und auch Griechenland war überbewertet. Nur bei Dänemark und Frankreich lagen die Wetten zu diesem Zeitpunkt genau oder ziemlich richtig.

Relativ gut wurde das Ergebnis von Deutschland, der Schweiz und Österreich prognostiziert.

Wie gut oder schlecht lagen die Wetten jetzt im Vergleich zu den Vorjahren? Das verrät diese Tabelle:

Vergleich der Wetten von 2021 bis 2026

In den vergangenen Jahren war der gewettete Sieger meist auch der reale Sieger oder lag maximal ein bis drei Plätze dahinter. In diesem Jahr hingegen lag Wettsieger Finnland fünf Plätze weiter hinten. Eine ähnlich „schlechte“ Trefferquote des Gewinners hatten einzig die Wettquoten nach Veröffentlichung der Beiträge 2021 (damals war Malta auf Platz 1 der Wetten). Vor dem Finale lagen die Betting Odds aber auch in dem Jahr im Gegensatz zu diesem Jahr richtig und prognostizierten Måneskin als Gewinner.

Und auch andersrum war der reale Sieger im Voraus in den Wetten von 2021 bis 2025 meist als Sieger betrachtet worden oder lag nur einen Position dahinter, wie z.B. JJ 2025 auf Platz 2 der Quoten. DARA jedoch wurde zu Anfang wirklich massiv unterschätzt, erst kurz vor dem Finale war die Einschätzung besser, aber immer noch deutlich schlechter als in allen anderen Jahren am Finalsamstag.

Was die gewettete Top 5 angeht, war das Jahr zwar auch nicht ganz treffsicher, aber die Werte kamen durchaus auch einmal in der Vergangenheit vor, wobei hier insgesamt die Vorhersehbarkeit in den Jahren 2021 bis 2024 deutlich besser war als im letzten und diesem Jahr.

Prognosen der Leser*innen und Blogger*innen

Hier wurden der ESC-kompakt-Index, der sich aus der spontanen Bewertung direkt nach Bekanntgabe der Beiträge errechnet, die Prognose der ESC-kompakt-Leser*innen in den Songchecks, das Ergebnis des Tippspiels sowie die Prognose der Blogger*innen betrachtet.

Die Auswertung erfolgte dabei auf gleiche Art und Weise wie bei den Wetten über die Summierung der absoluten Abweichungen.

So treffsicher waren die Prognosen von Leser*innen und Blogger*innen:

Tabelle mit dem Vergleich der Prognosen und dem realen Ergebnis

Beim ESC-kompakt-Index fiel Sieger Bulgarien noch vollkommen durch und erlangte dort nur Platz 20. Noch krasser war die Abweichung bei Rumänien, das sich an Stelle 26 einreihte, und bei Israel, das Position 24 im EKI erreichte. Auch Italien lag im EKI merklich weiter hinten als im offiziellen Ergebnis. Einzig bei Australien spiegelte der spontane Leser*innengeschmack das Endergebnis relativ gut wieder.

In ihrer Prognose bei den Songchecks lagen die Leser*innen zumindest bei Israel, Australien und Italien genau oder fast richtig. Rumänien und Bulgarien wurden aber immer noch stark unterschätzt, Rumänien jedoch nicht ganz so stark wie Bulgarien. Im Tippspiel tauschten Rumänien und Italien mehr oder weniger die Plätze und Bulgarien lag „nur noch“ sieben Plätze zu tief. Etwas besser lagen da die Blogger*innen mit Bulgarien, das Platz 5 der Blogger-Prognose erreichte.

Wie auch bei den Wettquoten wurde von allen zu allen Zeitpunkten Finnland als Sieger gesehen, was sich dann bekanntlich nicht bewahrheite. Auch Griechenland und Dänemark wurden meist überbewertet. Allerdings können die Leser*innen zumindest stolz darauf sein, besser als die Wettquoten nach Veröffentlichung der Beiträge gelegen zu haben, lediglich zwei Beiträge statt vier Beiträge in ihrer prognostizierten Top 5 lagen am Ende nicht in der realen Top 5. Die Top 5 im ESC-kompakt-Index hatte am Ende nicht viel mit der offiziellen Top 5 zu tun, dort waren mit Albanien und Kroatien sogar zwei Länder, die am Ende um die zehn Positionen tiefer landeten.

Und so sieht der Vergleich der diesjährigen Prognosen mit denen der Vorjahre aus:

Vergleich der Prognosen von 2021 bis 2026

Im Vergleich zu den vergangenen Jahren bietet sich ein ähnliches Bild wie bei den Wetten. In den verschiedenen Prognosen lag der vorhergesehene Sieger diesmal weiter hinten als in den vorigen Jahren und die reale Gewinnerin wurde deutlich tiefer gesehen als in den Vorjahren. Insgesamt sind die Abweichungen aber ähnlich wie in den Wetten. Was auch daran liegen mag, dass sich viele von diesen beeinflussen lassen.

Der ESC-kompakt-Index, der keine richtige Prognose, sondern eher den spontanen Geschmack der Leser*innen widerspiegelt, zeigt über alle Jahre hinweg die Tendenz deutlich stärker „danebenzuliegen“ als Prognosen und Wetten.

Insgesamt bestätigen Zahlen in diesem Jahr die „gefühlte Wahrheit“: es lief in diesem Jahr vieles anders als erwartet, bis kurz vor Schluss hatte kaum jemand Bulgarien und Rumänien auf den Zettel. Finnland stattdessen wurde massiv überschätzt (was die Zahlen sogar weniger zeigen, weil hier nur die Platzierungsdifferenz gebildet wurde, dass „Liekinheitin“ am Finaltag zu 41% auf Platz 1 gewettet wurde, geht hier gar nicht ein), genauso wie Griechenland. Nur bei den „sicheren Bänken“ der letzten Jahre Italien und Israel lag man nicht so weit weg, auch wenn sie etwas unterschätzt wurden. So richtig gut lag die Treffsicherheit letztendlich einzig bei Australien, das sich recht ähnlich wie prognostiziert positionierte und dabei nicht auf „Erfahrungswerte der letzten Jahre“ bauen konnte.

Spannend bleibt zu sehen, wie das Ergebnis des Eurovision Song Contest in Zukunft aussehen wird. War das Jahr 2026 ein Wendepunkt und wird es die kommenden Jahre spannender zugehen? Vielleicht ja auch durch die Veränderungen bei den Jurys und im Televote? Zu wünschen wäre es dem Wettbewerb. Oder war es am Ende nur ein „Ausrutscher“ und im nächsten Jahr gibt es wieder einen Start-Ziel-Sieg, bei dem die Wetten und alle Prognosen von Anfang an richtig liegen?

Hättest Du Dir am Anfang der Saison einen Sieg von DARA mit „Bangaranga“ vorstellen können? Warst Du überrascht, als Bulgarien so viele Punkte im Juryvoting und Televoting erhalten hat? Welche anderen Platzierungen haben Dich letztendlich überrascht? Lass gerne einen Kommentar da und teile Deine Gedanken.  

In unserer Reihe Viva Vienna bereits erschienen:

Diese Rückblickserien auf die letzten fünf Ausgaben des Eurovision Song Contest sind bereits erschienen:



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